Sie für sich Wissen: Serialität

Serialität
— Forschung in Theorie und Praxis

Serielles Erzählen & serielle Phänomene im Fernsehen, im Streaming und in der Welt

Serien sind keine Erfin­dung des neuen Jahr­tau­sends und auch nicht des Fer­n­ehens. Viel­mehr bli­cken sie auf eine lange Geschichte zurück: Als Ergeb­nis einer »jahr­hun­der­te­al­ten Tra­di­tion des seri­el­len Erzäh­lens« (Hickethier 2002: 550) fand die TV-Serie ihre Vor­gän­ger in Fort­set­zungs­ro­ma­nen, den Radio­se­rien und soge­nann­ten Cine­se­rien. In den 1960er Jah­ren konnte sie sich als Teil des Fern­seh­pro­gramms dau­er­haft eta­blie­ren (ebd.: 550).

Den­noch wird seit Mitte der 1990er Jahre, spä­tes­tens seit der Jahr­tau­send­wende von einer »Kon­junk­tur der Serie« (Metel­ing & Otto & Scha­ba­cher 2006: 9) gespro­chen: Der Feuil­le­ton wid­men sich regel­mä­ßig dem The­men­feld »TV-Serie«. Mit gro­ßer Eupho­rie wer­den dabei ins­be­son­dere aktu­elle US-ame­ri­ka­ni­sche Seri­en­pro­duk­tio­nen rezen­siert (Kirch­mann 2006: 9 ff), denn diese böten ihren Gestal­tern gera­dezu einen »Expe­ri­men­tal- und Inno­va­ti­ons­raum«. Sie seien zudem in ihrer Kom­ple­xi­tät und Ästhe­tik dem Roman und Kino ver­wandt (Scha­ba­cher 2010: 20). 

Obschon diese Phase für den eng­lisch­spra­chi­gen bzw. US-ame­ri­ka­ni­schen Raum mitt­ler­weile (2015+) als abklin­gend zu betrach­ten ist, sind es jetzt euro­päi­sche Pro­duk­tio­nen, sogar Arbei­ten aus deut­scher Feder, die mit Inno­va­tio­nen im Erzäh­len, Kom­ple­xi­tät und ins­be­son­dere kri­tisch-künst­le­ri­scher Tiefe glän­zen. Ähn­lich der Rele­vanz von Wer­ken lite­ra­ri­scher Tiefe in Print­form — nun audio­vi­su­ell. Und: Die Seria­li­tät des Fern­se­hens ist idea­les Anschau­ungs­ma­te­rial, um mehr über eine all­ge­meine Seria­li­tät zu erfah­ren. Denn Seria­li­tät ist über­all — von indus­tri­el­ler Pro­duk­tion über das Museum mit sei­nen dif­fe­ren­ten his­to­ri­schen Serien bis zum Leben als »Serie von Ereig­nis­sen«

Das »Immer­glei­che«, die Wie­der­ho­lung, Fließ­band­pro­duk­tion — das sind womög­lich die ers­ten Gedan­ken, wenn es um Seria­li­tät geht. Eher sta­gnie­rende oder sta­gna­tive dinge ≈ seri­el­ler Erzähl­ty­pus I. Doch Seria­li­tät ist weit mehr: Das lässt sich mit dem Begriff »Pro­gres­sion« (seri­el­ler ERzähl­ty­pus II) beschrei­ben ≈ eine »Serie von Ereig­nis­sen«. So ließe sich etwa auch das Leben an sich beschreiben.

Gewiss sind im aktu­el­len Seri­en­dis­kurs Auf­wer­tungs- und Her­aus­lö­sungs­ten­den­zen zu beob­ach­ten, die neben tat­säch­li­chen evo­lu­tio­nä­ren oder gar revo­lu­tio­nä­ren seri­el­len Ent­wick­lun­gen auch in geschick­ten Mar­ke­ting­stra­te­gien ihren Aus­gangs­punkt neh­men. Deren Macher sind sich dabei des im Geiste Ador­nos ste­hen­den, das Fern­se­hen ableh­nen­den Habi­tus der mit den neuen Serien anvi­sier­ten Ziel­grup­pen bewusst: Die Serie wird daher nun ver­stärkt vom nega­ti­ven Image des Fern­se­hens und der angeb­lich dort behei­ma­te­ten, und zwar »tri­via­len Unter­hal­tung« abgegrenzt.

Apro­pos »Unter­hal­tung«: Sicher­lich kann man über ein unent­weg­tes Unter­hal­tungs­be­dürf­nis und des­sen Fol­gen für manch eine/n dis­ku­tie­ren. Unter­hal­tung mit Tri­via­li­tät gleich­zu­setz­ten oder der Infor­ma­tion gegen­über zu stel­len, greift aller­dings zu kurz. Denn Unter­hal­tung ist, was unter­hält. Das klingt ähn­lich sim­pel, meint aber, dass Unter­hal­tung weit­rei­chen­der ist, als etwa eine Komö­die zu schauen. Wer geschichts­in­ter­es­siert ist, liest Fach­pu­bli­ka­tio­nen auch aus einem Unter­hal­tungs­be­dürf­nis her­aus oder wird von sel­bi­gen unterhalten.

Zudem ist durch neue Rezep­ti­ons­wege via DVD/­Blu-ray und ins­be­son­dere via Stream und die mit ihnen ein­her­ge­hen­den, und zwar indi­vi­du­el­le­ren Rezep­ti­ons­wei­sen (»On-Demand«, »Binge-Watching«) zu dis­ku­tie­ren, inwie­weit sich die moderne Serie noch zum Fern­se­hen zäh­len lässt oder das Fern­se­hen nur ein nach­ge­ord­ne­tes Trä­ger­me­dium für ihre Rezep­tion gewor­den ist. Oder ist das Medium gar gleich als tot zu beschreiben?

Ist das klas­si­sche Fern­se­hen tot? Mhh. Fakt ist, dass das klas­si­sche, und zwar lineare Fern­se­hen (24/7, wie ein Fluss) regel­mä­ßig um Media­the­ken ergänzt wird. Und dass Strea­ming­dienste im Zuge auto­ma­ti­scher Wei­ter­lei­tun­gen oft auch eine Art Fluss kre­ieren, wie er so typisch für das lineare TV scheint. Inso­fern blei­ben Eigen­ar­ten defi­ni­tiv ent­hal­ten. Es ist eher von einer Trans­for­ma­tion zu spre­chen.
[S. H.]

Die den Seri­en­pro­duk­ten in jüngs­ter Zeit ent­ge­gen­ge­brachte Eupho­rie beschränkt sich kei­nes­falls nur auf die Feuil­le­tons, auch in der Wis­sen­schaft wird sich dem The­men­kom­plex ver­stärkt wohl­wol­lend gewid­met. »Wohl­wol­lend« inso­fern sich von habi­tu­el­len Vor­be­hal­ten zuse­hends gelöst und ein dif­fe­ren­zier­te­rer Blick gewagt wird. Im Fokus ste­hen dabei ins­be­son­dere soge­nannte »Qua­lity (Tele­vi­sion) Series«. Trotz der Kri­tik an die­ser Begriff­lich­keit (weil wei­ter­hin sehr wer­tend) kann sie als Indi­ka­tor für einen Umbruch, eine Zäsur in der Seri­en­pro­duk­tion die­nen, die Odin und Casetti (Adel­mann 2001), aber auch Cald­well (1995) in einer mehr oder min­der star­ken Hin­wen­dung zur Audio­vi­sion sehen. Viel­fach wird daher vom Ein­zug der Kino­äs­the­tik, aber genauso auf erzäh­le­ri­scher Ebene von Mind-Game-Nar­ra­tion im Fern­se­hen gespro­chen. Erneut han­delt es sich dabei um schwie­rig zu bestim­mende Kri­te­rien. Ins­be­son­dere, wenn u. a. Bord­well (2006) den Umkehr­schuss wagt und die nar­ra­tive Prä­gung des Kinos durch das Fern­se­hen konstatiert.

Hat das Fern­se­hen das Publi­kum für die Kom­ple­xi­tät des Kinos trainiert?

Ob nun tat­säch­lich, wie ins­be­son­dere von Odin/Casetti betont, das Audio­vi­su­elle der Nar­ra­tion im Fern­se­hen vor­an­steht oder es schlicht eine Neu­be­wer­tung, gar Gleich­stel­lung der bis dato ledig­lich als Ver­pa­ckungs­in­stanz gel­ten­den Audio­vi­sion gegen­über der Nar­ra­tion voll­zo­gen wird, ist sicher­lich dis­kus­si­ons­wür­dig. Heute aber ste­hen auf­wen­dige TV-Serien auch ästhe­thisch nicht mehr dem Kino nach, über­tref­fen es bis­wei­len sogar. Das liegt auch daran, dass sol­che Serien nicht mehr neben­bei geschaut wer­den (kön­nen) und natür­lich die Emp­fangs­ge­räte kom­plex arran­gierte Bil­der auch dar­stel­len kön­nen. Frü­her waren die Fern­se­her klein und die Auf­lö­sung begrenzt. Jeden­falls: Soge­nannte QTV-Serien glän­zen durch eine kri­ti­sche und reflek­tive Note — wie gesagt: rele­vante Lite­ra­tur in Bild und Ton.

Die grund­sätz­li­che Ten­denz zu einer Neu­ori­en­tie­rung tele­vi­si­ver Seria­li­tät hat ihre Anfänge insb­son­dere in den USA gefun­den. Die Neu­aus­rich­tung der (US-ame­ri­ka­ni­schen) Net­works bzw. die ver­schärfte Kon­kur­renz auf­grund einer Viel­zahl zunächst klei­ne­rer Kabel- und Pay-TV-Anbie­ter begin­nend in den 1980er Jah­ren sind Teil die­ser Ent­wick­lung. Genauso die tech­ni­schen Neue­run­gen der Zeit — das Kabel­netz erhöhte die Reich­weite und ermög­lichte eben auch klei­ne­ren Sen­dern ihre Arbeit. Nicht zuletzt wurde diese Ent­wick­lung auch durch die sozia­len Ver­än­de­run­gen geprägt — Pro­zesse, die bis heute anhal­ten: Eman­zi­pa­ti­ons­be­we­gun­gen las­sen ein berei­te­res Publi­kum ent­ste­hen — im Sinne viel­fäl­ti­ger, und zwar spe­zi­el­le­rer Bedürf­nisse, Ansprü­che und der Ein­fo­de­run­gen selbiger.

Das — die Ver­än­de­run­gen der Fern­seh­land­schaft — ist übri­gens ein Bei­spiel für kom­plexe Ent­wick­lun­gen oder Netz­werke: Nicht immer ist linea­res Den­ken prak­ti­ka­bel, um etwas zu erklä­ren, denn nicht immer sind Ursa­che und Wir­kung, Ei oder Huhn in eine Abfolge zu brin­gen. Was phi­lo­so­phisch anmu­tet, ist ist eine wich­tige Facette von Medien‑, gar Welt­kompetenz, um heute offenbar(er) wer­dende Kom­ple­xi­tät bes­ser hand­ha­ben und mit­ge­stal­ten zu können.

Anstelle der Prä­misse, ein gro­ßes Publi­kum errei­chen zu müs­sen, um dem bis dato übli­che US-Geschäfts­mo­dell ent­spre­chend Wer­be­ein­nah­men zu gene­rie­ren, erlaub­ten bzw. erlau­ben es ins­be­son­dere Abon­nen­ten­sys­teme, auch für kleine Ziel­grup­pen gewinn­brin­gend zu produzieren.

Beson­ders an Attrak­ti­vi­tät gewin­nen dabei jene Ziel­grup­pen, die das Fern­se­hen zumeist mie­den (bzw. mei­den) und durch das Trä­ger­me­dium ihre angeb­li­chen kul­tu­rel­len Ansprü­che nicht befrie­digt sahen bzw. sehen. Qua­li­täts­se­rien ver­su­chen, mehr oder min­der bewusst die­sen Anfor­de­run­gen gerecht zu wer­den (Und ver­zich­ten zusätz­lich — als Mar­ke­ting­maß­nahme — dar­auf im Sprach­ge­brauch mit dem Fern­se­hen in Ver­bin­dung gebracht zu werden).

In kom­ple­xen Serien wird den Zuschau­ern bis­wei­len viel abver­langt — Zeit­sprünge und unzu­ver­läs­si­ges Erzäh­len, die gene­relle Ten­denz zu hori­zon­ta­len Hand­lungs­strän­gen set­zen ein kon­zen­trier­tes Publi­kum vor­aus, das offen­sicht­lich in der Kom­ple­xi­tät Unter­hal­tung fin­det. Soviel zum nega­ti­ven beleg­ten Unter­hal­tungs­be­griff.
[S. H.]

Nicht nur die seri­el­len Pro­dukte selbst haben sich, auch ihre Pro­duk­ti­ons­struk­tur hat sich gewan­delt oder ist im Wan­del begrif­fen — die Gewerks­gren­zen lösen sich auf, Dreh­buch­au­toren wer­den stär­ker ein­be­zo­gen, avan­cie­ren sogar zu »Showrun­nern«. Im soge­nann­ten »Writer’s Room« oder »Wri­ters’ Room« wer­den die Seri­en­vor­ha­ben nicht nur nar­ra­tiv, son­dern auch audio­vi­su­ell kon­zi­piert, seri­elle Pro­dukte ganz­heit­lich verstanden. 

Die Pro­gres­sion — der zweite Pol des Seri­el­len, neben der Sta­gna­tion, dem Immer­glei­chen bzw. der Wie­der­ho­lung. Pro­gres­sion hier im Sinne von Wan­del, Ver­än­de­rung — gerade Serien wie »Brea­king Bad«, »Game of Thro­nes« erzäh­len über ein­zelne Fol­gen und Staf­feln hin­weg eine fort­lau­fende Geschichte. Vor­bild ist — wie so oft bei Medien- bzw. Kunst­for­men — mehr oder min­der bewusst das Leben/die Welt selbst.

Prämium-Serien hierzulande

Stief­kind­lich wur­den lange Zeit sowohl im Feuil­le­ton als auch in der wis­sen­schaft­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung nicht nur Seria­li­tät und Fern­se­hen gene­rell, son­dern auch die deut­sche Fern­seh­land­schaft behan­det. Die­ser Umstand geht auf die bereits skiz­zier­ten Vor­be­halte zurück. Aber selbst als um die Jahr­tau­send­wende eine par­ti­elle Abkehr von die­sen habi­tu­el­len Vor­be­hal­ten im Zuge der Qua­li­tät US-ame­ri­ka­ni­scher For­mate erfolgte, stand die deut­sche Seri­en­land­schaft zunächst wenig oder gar nicht im Fokus. Viel­leicht wegen ihrer unzu­rei­chen­den Qua­li­tät? Und tat­säch­lich schien (/scheint) sich die­ser Ein­druck (teil­weise) zu bestä­ti­gen: Auf den ers­ten Blick ist hier­zu­lande Seria­li­tät in Sachen Kom­ple­xi­tät und Qua­li­tät wenig aus­ge­prägt. Es zeigt sich vor allem eine von leich­ten Flexi-Nar­ra­ti­ven (Typus III) geprägte Land­schaft: Epi­so­den­über­grei­fende Hand­lungs­stränge beschrän­ken sich auf ein Mini­mum, der Fall der Woche scheint das Prin­zip zu sein — große Nar­ra­tive blei­ben die Aus­nahme, alles scheint für ein Gele­gen­heits­pu­bli­kum bestimmt. Denn Serien die­ses Typus III brau­chen nicht regel­mä­ßig ver­folgt wer­den — dem Fall-Prin­zip sei Dank.

Eine ein­fa­che Erklä­rung die­ses Umstan­des gibt es nicht: Lange Zeit waren es die im Ver­hält­nis zum US-Markt dif­fe­ren­ten Markt- und Ver­wer­tungs­struk­tu­ren hier­zu­lande — kaum Pay-TV zum Bei­spiel. Auch das duale Rund­funk­sys­tem kann ursäch­lich sein — durch eine Viel­zahl an frei­emp­fäng­li­chen Anbie­tern auf Masse getrimmt; sowohl pri­vate als auch öffent­lich-recht­li­che Anbie­ter (ÖR) betref­fend. Und »Masse« heißt hier nicht »dümm­lich«, son­dern meint die Not­wen­dig­keit, viele Geschmä­cker anzusprechen.

»Vier Typen seri­el­len Erzäh­lens im Fern­se­hen« (2017/18) — preis­ge­krön­ter Sam­mel­band, von Sönke Hahn her­aus­ge­ge­ben: In einem inno­va­ti­ven — ganz­heit­li­chen — Ansatz wird im Inhalt und in Nar­ra­tion sowie im Lay­out der Antho­lo­gie das Seri­elle erklärt und veranschaulicht.

Die his­to­risch gese­hen lange »Exklu­si­vi­tät« der ÖRs ist ein (wei­tere) Ursa­che: Auch aus skiz­zier­tem Habi­tus und einem womög­lich zwar wohl­ge­mein­ten, aber etwas ver­zerr­ten »Erzie­hungs­be­dürf­nis« (≈ »Nicht-Ver­ste­hen« = »Abwer­tung«, Vor­be­halte gegen­über Pro­du­zen­ten) her­aus wur­den auch kom­plexe Serien in den 1970/1980er Jah­ren, damals eben meist aus US-Feder, sehr ver­spä­tet in Deutsch­land aus­ge­strahlt. So kam etwa die soge­nannte »Prime-Time-Soap« ent­spre­chend ver­zö­gert nach Deutsch­land. Wenn auch eine gewisse Soa­pig­keit auch heute meist nicht als hoch­wer­tig betrach­tet wird, ist die Nar­ra­tion dort oft durch­aus anspruchs­voll. Und hat Ein­fluss auf Serien wie »Game of Thro­nes« etc. genom­men bzw. zum Ver­ständ­nis die­ser bei­tra­gen kön­nen. Soaps kön­nen also durch­aus als Trai­nings­la­ger für kom­plexe bzw. anspruchs­volle Serien wie »Brea­king Bad« und Co. gelten.

Trotz die­ser Ver­spä­tung und Unter­re­prä­sen­ta­tion hin­sicht­lich »lehr­rei­cher« (Prime-Time-)Soaps zeigt sich in D. eine durch­aus lange Tra­di­tion anspruchs­vol­ler Mini­se­rien — ein in begrenz­ter Anzahl an Fol­gen pro­gres­siv erzäh­len­des For­mat (Typus IV). Bereits in den 1950er Jah­ren als Event ver­mark­tet und etwa als Lite­ra­tur­ver­fil­mung (und damit gegen Kli­schees »Bil­dung« aus­strah­lend) ange­prie­sen waren und sind der­ar­tige seri­elle For­men auch hier­zu­lande erfolgreich.

Dann dürfte die umfas­sen­den Ver­wal­tungs­struk­tur der ÖRs dafür mit-ver­ant­wort­lich sein, dass, trotz gro­ßer Gebü­ren­ein­nah­men, für kom­plexe bzw. auf­wen­dige und damit durch­aus auch kos­ten­in­ten­sive Pro­duk­tio­nen oft wenig Raum blieb und bleibt. Auch die Alters­struk­tur des Publi­kums der ÖRs kann als Indi­ka­tor dafür die­nen, dass in Sachen Ver­ste­hen von kom­ple­xer Nar­ra­tion oft eine gewisse Übung einer­seits und ander­seits ein Inno­va­ti­ons­be­dürf­nis aus Sei­ten der Sen­der­ver­ant­wort­li­chen fehlt. Und den­noch: In den letz­ten 15 Jah­ren hat sich auch hier­zu­lande eini­ges getan und der erste Ein­druck um den Stand seri­el­ler Erzähl­wei­sen mag täu­schen.

Gerne kon­zi­piere und rea­li­siere ich Seri­el­les für Sie — nicht nur im beweg­ten Bild: Denn Seria­li­tät ist Pro­gres­sion, Bin­dung und Fes­ti­gung — von Bot­schaf­ten, auch in Sachen Bildung.

Alltagsrelevant — das Wissen um Serialität

Bis­her ging es hier um Seria­li­tät dort, wo man sie als ers­tes (wenn das auch mit Blick auf die his­to­ri­schen Hin­ter­gründe vor­schnell ist) umd am aus­ge­präg­tes­ten ver­mu­tet: Serien im TV. Das Wis­sen um seri­elle Mecha­nis­men ist aber jen­seits von Streams oder Fern­se­hen aller­seits wich­tig, um in der Welt bes­ser zurecht­zu­kom­men. Das seri­elle Erzäh­len lässt sich eben nicht nur in Bezug auf das Fern­se­hen zwi­schen zwei Polen ein­ord­nen — wir haben sie schon genannt: Stagnation—Progression. So ist das Lesen diese Tex­tes das Ergeb­nis seri­el­ler Pro­zesse: vom Ler­nen, den Lehr­plä­nen, dem Üben, dem Umfeld usw. Dann sind da die Cor­po­rate Designs im All­tag — im Super­markt zum Bei­spiel: zwi­schen Mono­to­nie und Ver­läß­lich­keit aller­seits und aller­orts. Aber Seria­li­tät ist mehr denn nur indus­tri­elle Fer­ti­gung — das zeigt sich nicht nur mit Blick auf besagte Qua­li­täts­se­rien: Diese sind oft von einer eher pro­gres­si­ven Erzähl­weise bestimmt. D. h., nicht jede Woche ein ande­rer Fall nach glei­chem Motto, son­dern eine Folge ist ein Bau­stein in einer fort­schrei­ten­den Erzäh­lung, in wel­cher Ent­wick­lun­gen nicht zurück­ge­nom­men wer­den können.

Seri­el­les Erzäh­len ist im Grunde wei­ter ver­brei­tet denn sin­gu­lä­res, also die Erzäh­lung in einem ein­zel­nen Film … Die Inter­pre­ta­tion eines Films zum Bei­spiel basiert nicht unwe­sent­lich dar­auf, dass man die par­ti­elle Deu­tung von Schnitt, Kame­ra­per­spek­ti­ven etc. mehr oder weni­ger fun­diert und mehr oder weni­ger bewusst im Zuge des Auf­wach­sens erlernt hat — im Zuge einer Serie von Erfah­run­gen also.

Inso­fern kommt dem Seri­el­len in einer phi­lo­so­phi­schen Betrach­tung eine ins­ge­samt para­doxe Eigen­art zu: Das Seri­elle ist wie das Leben, denn auch die­ses kennt Epi­so­den ≈ der nächste Kunde, die nächste Schul­klasse. Dann: Wie im Leben gibt es ein­zelne Pha­sen, die auf­ein­an­der auf­bauen ≈ Schule > Stu­dium > Beruf etc. Damit — in die­ser pro­gres­si­ven Aus­le­gung des seri­el­len Erzäh­lens — ist das Seri­elle wie ein Film, denn auch die­ser ist Aus­druck vom Wan­deln einer Figur bzw. eines Hel­den über seine Lauf­zeit hinweg.

Hier zeigt sich übri­gens: Medien sind Spie­gel der Welt und ihr Vor­bild; Medien sind zudem mehr denn Buch und Film. Eine bestimmte Erzähl­weise ist quasi eine mediale Form, weil sie einer Geschichte eine Struk­tur gibt — eine Geschichte befin­det sich also in einem der­ar­ti­gen Medium, hier in einem seri­el­len Erzäl­ty­pus. Aber auch hier gilt: Es sind wech­sel­sei­tige Pro­zese am Werk — eine Geschichte kann sich quasi selbst eine Nar­ra­tion schaf­fen, weil sie viel­leicht zu lang ist, um in einem Film erzählt zu werden.

Ande­rer­seits: Das Seri­elle kann auch als »lebens­fern« gel­ten, aber gleich­sam Aus­druck eines mensch­li­chen Bedürf­nis­ses sein: dem Zeit­an­hal­ten. Wer wollte nicht schon ein­mal in einer schö­nen Phase sei­nes Lebens, dass es »so bleibt«? Gerade Epi­so­den- — sta­gnie­rende — Serien funk­tio­nie­ren nach die­sem Modell: Das Aben­teur der Woche gefähr­det nicht die lieb­ge­won­nen Figu­ren — nach 40—60 Minu­ten ist alles über­stan­den ≈ alles bleibt, wie es ist. In der rea­len Welt sind zunächst besagte Ket­ten eher als der­art sta­gnie­rend zu betrach­ten, aber auch die Ver­kehrs­ord­nung etc., die ten­den­zi­ell ver­läss­lich orts­un­ab­hän­gig erlaubt, am Ver­kehr teil­zu­neh­men. Pro­gres­sive Seria­li­tät fin­det sich in Innen­städ­ten, die oft moderne und alte Archi­tek­tur — die Pro­gres­sion der Zeit — bau­lich mit­ein­an­der ver­bin­den. Oder in einer para­do­xen Weise sind Pro­gres­sion und Sta­gna­tion im Museum zu beob­ach­ten: Die Geschichte als Serie ver­bin­det sich mit der pro­gres­si­ven Erzähl­weise im Museum (Räume nach Epo­chen­ab­folge auf­ge­baut), um dann doch auch sta­gna­tive Ein­bli­cke in andere Zei­ten — einem archiv-arti­gen Zeit­an­hal­ten — zu gewähren.

Es kann gar noch all­täg­li­cher und gegen­wär­ti­ger sein: Den­ken Sie daran, dass ein bekann­ter US-ame­ri­ka­ni­scher Poli­ti­ker seri­elle Cliff­han­ger via Twit­ter außer­or­dent­lich, aber bedau­er­li­cher­weise erfolg­reich nutzt, um die Nach­wir­kung sei­ner kru­den Bot­schaf­ten zu stär­ken. Inso­fern würde das Wis­sen um seri­elle Erzähl­wei­sen auch sol­che miss­bräu­li­chen Stra­te­gien in der Nut­zung seri­el­ler Prin­zi­pien ent­lar­ven und könnte dazu bei­tra­gen, medien‑, gar welt­kom­pe­ten­ter mit sol­chen Aus­ru­fen umzu­ge­hen.

Publikationen

»Räum­li­che Seria­li­tät & Seria­li­tät im Raum: Nar­ra­tive Poten­tiale im und des Urba­nen — am Bei­spiel von Wei­mar« 2019

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»Vier Typen seri­el­len Erzäh­lens im Fern­se­hen. Eine illus­tra­tive Ein­füh­rung in Theo­rie, Geschichte und Dis­kurs. 2017 — »Red Dot 2018«, »iF Design Award 2019«, »Ger­man Design Award 2020«

Mehr Infos (Page Buch)

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»Bun­ker-TV, TV-Bun­ker: Hete­ro­tope Mecha­nis­men am Bei­spiel von Schutz­bau­wer­ken und (Fernseh-)Serien« 2017

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Lesen


»Wo ist das Gaf­fer Tape? Das müs­sen wir faken. Am Rand des Wahr­nehm­ba­ren: Der impli­zit-banale Trash …«

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»Rea­lity TV. Unter­su­chung eines hete­ro­ge­nen Kon­zep­tes …«, 2017

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»Sex. Lies. Sto­ry­boards. Die Geschich­ten­er­zäh­ler in Mad Men, The Hour und The News­room«, 2015

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»The Mini­se­ries«
Living Hand­book of Serial Nar­ra­tion Uni­ver­si­tät des Saar­lands, 2015


»Zwi­schen Sta­gna­tion und Pro­gres­sion: Die Miniserie«

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»Von Flow zu Flow. Kon­ver­gen­zen und (TV-)Serien Ver­such eines his­to­ri­schen, tech­ni­schen und ästhe­ti­schen Über­blick« In: Jour­nal of Serial Nar­ra­tion IV/2013

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»Ich schaue kein Fern­se­hen, nur Qua­li­täts­se­rien! Hin­ter­gründe eines kon­tro­ver­sen Begriffs …« In: Jour­nal of Serial Nar­ra­tion II/2013

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Vorträge

»›This is the end‹ oder eben auch nicht: Dys­to­pie in Serie«
Bau­haus-Uni­ver­si­tät Wei­mar, Win­ter­se­mes­ter 2014/15, Fakul­tät Medien, Stu­di­en­gang Medi­en­kunst und Medi­en­ge­stal­tung (Mas­ter), Fachmodul

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»All this has hap­pened before … Über Enden und Nicht-Enden«
Kon­fe­renz »Qua­lity TV: Zwi­schen Lau­da­tio und in Memo­riam«, Uni­ver­si­tät des Saar­lands, Saar­brü­cken 2014

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»Vom Sto­ry­board zur Post­pro­duk­tion«
pra­xis­ori­en­tier­ter Work­shop, Kon­fe­renz Qua­lity TV: Die nar­ra­tive Spiel­wiese des 21. Jahr­hun­dert?!, Uni­ver­si­tät des Saar­lands, Saar­brü­cken 2013

Kon­fe­renz »Qua­lity TV: Zwi­schen Lau­da­tio und in Memo­riam«, Uni­ver­si­tät des Saar­lands, Saar­brü­cken 2014

Stu­di­en­tag der Roma­nis­tik, Uni­ver­si­tät Würz­burg 2015

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»Zwi­schen Sta­gna­tion und Pro­gres­sion: Mini­se­rie und Event(-Programmierung)«
Kon­fe­renz »Qua­lity TV:Die nar­ra­tive Spiel­wiese des 21. Jahr­hun­dert?!«, Uni­ver­si­tät des Saar­lands, Saar­brü­cken 2013

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Projekte

»Habi­tat 2«
Fil­m/­Se­rien-Kon­zept: 16:9 (HD), Lauf­zeit: ca. 22 min., ent­stan­den: 2015/2016/2017, Teil Doktorarbeit

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»Habi­tat«
Film/Serie: 16:9 (HD) und Full­dome (3k), Lauf­zeit: ca. 2x5 min., ent­stan­den: 2013, Teil Doktorarbeit

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Weitere Forschungsfelder

Das Ein­tau­chen: So erle­ben wir nicht nur klas­si­sche Medien, so erle­ben wir die ganze Welt … vom Büro, Super­markt bis zum Urlaubsort.

Eine alte Erzäh­weise: über­all zu beob­ach­ten, aller­seits unter­be­wusst imple­men­tiert und damit einen gewis­sen Erfolg begüns­ti­gend.

Serielle Werke für Sie
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in meinen Seminaren:

Dr. Sönke Hahn

Erfah­rungs­schatz: Über 10 Jahre als aus­ge­zeich­ne­ter Fil­me­ma­cher und Desi­gner — u. a. prä­miert mit »Red Dot«, »iF Design Award« und »Ger­man Design Award«

Hin­ter­grund­wis­sen: inter­dis­zi­pli­näre Dok­tor­ar­beit an der Bau­haus-Uni­ver­si­tät Wei­mar, wis­sen­schaft­li­che Vor­träge und Publi­ka­tio­nen im Feld Kom­mu­ni­ka­tion und Medien 

Dr. Sönke Hahn, KOMMUNIKATION