Dok­tor­ar­beit

Heterotope Mechanismen
am Beispiel von Schutzbauwerken und (Fernseh-)Serien

Serialität & Immersionstheorie

Was haben TV-Serie und Bun­ker gemein? Vie­les! Aber nicht, was womög­lich reflex­ar­tig auf der Hand liegt — nein, es geht hier nicht um die Dar­le­gung, dass bei­des (oder ins­be­son­dere das Seri­elle des Fern­se­hens) ein­fach grob oder dümm­lich ist. Beide Fel­der wer­den zudem auch in einem abs­trak­te­ren Sinne betrach­tet: etwa seri­elle Phä­no­mene im All­tag. In die­ser Dis­ser­ta­tion galt es also, mehr Fein­hei­ten her­aus­zu­ar­bei­ten, und das ohne Wer­tung. Es geht darum, in den Unter­su­chungs­fel­dern durch­schei­nende, quasi einen Über­bau for­mie­rende — hete­ro­to­pen — Mecha­nis­men zu ana­ly­sie­ren, die unsere Wel­ten bzw. uns als Men­schen bestim­men — und dabei han­delt es sich (bedau­er­li­cher­weise und damit umso wich­ti­ger, es zu wis­sen) natür­lich nicht immer um gute Ausdrucksformen. 

Sie für sich Wissen: Heterotopie

Übri­gens, besag­ter Ste­reo­typ seri­el­len Wer­ken des Fern­se­hens gegen­über befin­det sich zwar im Abklang; er ist aber nicht in Gänze ad acta gelegt. Ange­sichts gesell­schafts­re­le­van­ter Romane in Audio­vi­sion von »The Wire« bis »Brea­king Bad« ließe sich fra­gen, was sol­che Kli­schees — räum­lich und illus­tra­ti­ver gar als Mauer inter­pre­tier­bar — an gesell­schafts­re­le­van­ten Ein­drü­cken vor­ent­hal­ten. Jeden­falls bzw. daher: In die­ser Dis­ser­ta­tion geht um ein räum­li­ches Den­ken und Han­deln, um die räum­li­che Gestal­tung von Welt und Welten. 

Als Basis dient eine eigent­lich nur skiz­zen­hafte Theo­rie, näm­lich die Hete­ro­to­pie aus der Feder des fran­zö­si­schen Phi­lo­so­phen Michel Fou­cault. Diese wird im Rah­men der Dis­ser­ta­tion kon­kre­ti­siert, mit Inhalt gefüllt und anschau­li­chen Bei­spie­len ver­se­hen. Im Zusam­men­hang damit ent­steht u. a. auch eine Immer­si­ons­theo­rie, die Mecha­nis­men von Medien (über klas­si­sche Medien hin­aus­ge­hend, reale und vir­tu­elle Räume ein­schlie­ßend) ver­an­schau­li­chen und erklä­ren kann. Inso­fern kann durch­aus jede Form von Raum — real bis vir­tu­ell — als eine Art Medium bezeich­net bzw. ver­stan­den werden.

Die Hete­ro­to­pie ist — im Sinne die­ser Arbeit — eine Theo­rie zu ande­ren und/oder Gegen-Räu­men. Aber sie ist auch eine Arbeit zu Räu­mem des »Glei­chen«. Das mag als Wie­der­spruch erschei­nen und erweist sich oft als ein sol­cher. Doch in die­sem zeigt die Theo­rie ihre Kraft: Die Hete­ro­to­pie offe­riert eine Erklä­rung dar­über, wie und wie sehr Men­schen in real-räum­li­chen bis vir­tu­el­len Raum­ka­te­go­rien den­ken, was damit an Wir­kun­gen ver­bun­den ist und wo auch nega­tive (radi­kale) Facet­ten ent­ste­hen. So ist das andere oft eine Frage der Per­spek­tive, oft ist es ein ima­gi­nier­tes Kon­strukt oder ein eben auch als Sün­den­bock Fun­gie­ren­des … Auf­klä­rung, über Medien und Men­schen.

»What-if-Sze­na­rio«, künst­le­ri­sche Erpro­bung der Hete­ro­to­pie — Ser­ion­kon­zept und Tea­ser-Pilot »Habi­tat 2«: Was wenn der Kalte Krieg zum 3. Welt­krieg eska­liert wäre? Kon­zepte von Mau­ern und Gren­zen kön­nen durch­aus mit der Hete­ro­to­pie beschrie­ben bzw. in ihrer offen­ba­ren Ambi­va­lenz erklärt werden.

+ Hete­ro­to­pie am Set — vir­tu­el­les Set (etwa Blue-/Green-Screen) vs. reale Location

Diese Dok­tor­ar­beit setzt sich sowohl auf wis­sen­schaft­lich-theo­re­ti­scher als auch prak­tisch-künst­le­ri­scher Ebene mit den Ana­lo­gien der bei­den Unter­su­chungs­fel­der aus­ein­an­der — mit Seria­li­tät und »Bun­ker«, bei­des in einem weit­ge­fass­ten Sinne. D. h., die Arbeit beinhal­tet Beschrei­bun­gen und Ana­lyse bei­der Fel­der (ent­spre­chend der Hete­ro­to­pie) — in einem wort­wört­li­chen Sinne sowie als Abs­trak­tion: So lässt sich durch­aus von gedank­li­chen Bun­ker spre­chen. Sie ken­nen sicher­lich ent­spre­chende Beispiele.

Auch wenn bzw. gerade weil die Fall­hö­hen der bei­den Unter­su­chungs­fel­der (Bun­ker und TV-Serien) im kras­sen Gegen­satz zuein­an­der schei­nen, kann die­ser Ver­gleich wich­tige Ein­sich­ten brin­gen — die ambi­va­lente Reich­weite hete­ro­toper Mecha­nis­men wird so offenbar.

Auf kei­nen Fall dür­fen die unter­schied­li­chen Trag­wei­ten der Bei­spiel­fel­der dabei aber igno­riert wer­den — etwa, dass die Bun­ker-Bau­ten der Nazis nicht nur Aus­druck eines men­schen­ver­ach­ten­den Regimes sind, son­dern ihr Bau zum Tode von Tau­sen­den von Zwangs­ar­bei­tern führte. Das andere Feld — die TV-Serie — hin­ge­gen ist im direk­ten Ver­gleich und auf den ers­ten Blick eben insze­niert, gar »bloße« Fiktion.

Appro­pos Räume: »Digi­tal« ist ein Mode­wort auch zur Beschrei­bung räum­li­cher Erleb­nisse gewor­den, wel­ches häu­fig zw. Inno­va­ti­ons­aus­druck und Schreck­ge­spenst auf alles über­tra­gen wird; meist wäre »vir­tu­ell« pas­sen­der. Zum Bei­spiel sind Über­tra­gun­gen des beweg­ten Bil­des (als Kon­fe­renz) lange vor der soge­nann­ten »Digi­ta­li­sie­rung« mög­lich gewe­sen. In einem immer­si­ven Sinne trifft man sich in besag­ter Kon­fe­renz vir­tu­ell in einem eben­sol­chen Raum, der heute sicher­lich meist digi­tal zustande kommt. Aber auch Tele­fo­nie­ren fußt­mitt­ler­weile auf digi­ta­len Tech­ni­ken und trotz­dem wird das vir­tu­elle Tref­fen wäh­rend eines Tele­fo­na­tes im All­ge­mei­nen nicht als »digi­tal« beschrieben.

Schaut man über das Fern­se­hen hin­aus, wird aller­dings auch klar, dass das Seri­elle (für diese Art des Erzäh­lens steht das Medium meist vor­schnell und auf den ers­ten Blick) weit über Unter­hal­tung hin­aus gegen­wär­tig ist und einen über das ver­meint­lich Tri­viale hin­aus­ge­hen­den Mehr­wert besitzt: Das Leben steckt vol­ler Epi­so­den — zwi­schen Wie­der­ho­lung, Wie­der­ho­lung in Varia­tion und der Pro­gres­sion, dem Wandel.

Als theo­re­ti­sche Basis der Arbeit und als Schar­nier die­ser bei­den Kom­plexe fun­giert besagte Hete­ro­to­pie. Im Zuge einer genaue­re­ren Betrach­tung lässt sich diese — wie gesagt — auf reale und vir­tu­elle Räume anwen­den. Vir­tu­ell im Sinne von wäh­rend eines Chats oder einer Video­kon­fe­renz ent­ste­hen­der Räume des gemein­sa­men Aus­tau­sches, bis hin zu ima­gi­nier­ten Räu­men: zum Bei­spiel als eine Vor­stel­lung von etwas in einem Roman­oder als Vor­ur­teil zum Bei­spiel. Die Hete­ro­to­pie fand und fin­det in ihren ursprüng­li­chen Ver­sio­nen beson­ders in der Geis­tes- oder Medi­en­wis­sen­schaft, in der Sozio­lo­gie und in der Archi­tek­tur Gehör. Auf Grund des skiz­zen­haf­ten Cha­rak­ters bei­der Bestim­mun­gen des Begriffs 1966 und 1967 durch Michel Fou­cault ist es jedoch not­wen­dig, detail­liert die Hin­ter­gründe und die in den Tex­ten des Phi­lo­so­phen mit­ge­führ­ten Impli­ka­tio­nen her­aus­zu­ar­bei­ten sowie das Kon­zept einer erwei­ter­ten (über Fou­cault hin­aus­ge­hen­den) Betrach­tung zu unter­zie­hen.

Die Hete­ro­to­pie — real bis vir­tu­elle Räume, je nach Per­spek­tive, stets mit­ein­an­der verwoben …

Die Heterotopie und ihre Eigenarten — auch über Foucault hinaus

Ein widersprüchliches, unspezifisches Konzept als Chance zur Beschreibung menschlichen Denkens und Handelns: Die Heterotopie ist ein räumliches Konzept, welches sich nicht nur auf real-räumliche Dimensionen beschränkt, sondern auch virtuelle Facetten und Hybride kennt. Daher können Bunker und (Fernseh-)Serien durchaus mit ihr beschrieben und dahinterstehende Mechanismen erklärt werden. Ähnlichkeiten zeigen sich etwa so: Das Betreten von Räumen oder Welten bzw. einer Heterotopien weist bei Foucault zum Beispiel serielle Momente auf — sei es in Form sich saisonal wiederholender Feste oder als Station in der Progression des Lebens. Genauso wie der Festplatz kann der virtuelle Raum einer Fernsehserie betreten werden …
… und im rea­len sowie vir­tu­el­len Raum muss man sich auf bestimmte Eigen­ar­ten ein­las­sen: Da wird so erzählt dort anders; da gilt jene, hier diese Haus­ord­nung usw. Diese Erfah­rung kann als Immer­sion, als ein mehr oder weni­ger tie­fes, mehr oder weni­ger frei­wil­li­ges Ein­tau­chen, ver­stan­den wer­den. Obschon oder weil dies­be­züg­li­che Aus­füh­run­gen bei Fou­cault eher impli­zit blei­ben, wird die Immer­sion in die­ser Dis­ser­ta­tion expli­zit her­aus­ge­ar­bei­tet bzw. die Hete­ro­to­pie darum ergänzt. Das leih­kör­per­schaft­li­che Ein­las­sen (Voss 2006, 2008a u. b) wäh­rend des Ein­tau­chens basiert auf einer mehr oder min­der bewuss­ten Unter­schei­dung zwi­schen der Wirk­lich­keit eines bestimm­ten (rea­len Ortes) etwa oder der des Fern­se­hers (bzw. der dor­ti­gen Seri­en­welt) gegen­über einer (sub­jek­ti­ven) wirk­li­chen Wirk­lich­keit (der vor­her­ge­hende Raum, das gegen­wär­tige Wohn­zim­mer etc.). Hete­ro­to­pien wei­sen also Eigen­ar­ten bzw. der Begriff beschreibt, dass Räume oft eigene Regeln haben, manch­mal gar ein Eigen­le­ben füh­ren. Jeder kennt das: Hier und dort wer­den bestimmte Spiel­re­geln ver­langt, die andern­orts nicht erlaubt sind usw. Jeder Heim­wer­ker kennt es, manch­mal ent­wi­ckelt das Pro­jekt ein Eigen­le­ben und wir unter­ste­hen ihm mehr, als es uns … Hete­ro­to­pien sind bestimmte Ort oder Sphä­ren, die — medien-ähn­lich — bestimmte Rah­men bil­den, infolge des­sen sie — ver­ein­facht zusam­men­ge­fasst — den Betre­ten­den etwas abver­lan­gen, ermög­li­chen oder auch neh­men. Räume kön­nen eben auch kre­iert und gestal­tet wer­den — da mag keine Über­ra­schung sein, die Kraft der Hete­ro­to­pie liegt aber darin, uns über die Welt auf­zu­klä­ren, über das, was oft so all­täg­lich ist, aber auch unbe­wusst ist. »Ver­ein­facht« sagt es bereits: ein ein­fa­ches Neben­ein­an­der ist nur eine Mög­lich­keit, wie ich Räume zuein­an­der ver­hal­ten. Oft sind ver­schie­dene Räume bzw. Hete­ro­to­pie inein­an­der näm­lich ver­schach­telt — zum Bei­spiel: das eigene Zim­mer — Gemein­schafts­be­reich der Fami­lie — Straße — bestimmte Stadt — Sport­ver­ein — bestimmte vir­tu­el­les Game-Welt — Firma, gar Abtei­lung — Land etc. Alle samt über Eigen­ar­ten ver­fü­gend und doch mit­ein­an­der ver­bun­den … gar ein­an­der über­la­gernd: So sind wir im Kino gleich­sam im Saal und doch auch — wäh­rend des Inter­pre­tie­rens — quasi Teil einer vir­tu­el­len Welt. Mit dem Kon­zept der Hete­ro­to­pie zeigt sich auch, es gibt mehr als nur reale und vir­tu­elle Räume: Bun­ker wei­sen ähn­lich die­ser ein­gangs beschrie­be­nen, und zwar auf nar­ra­tive Erleb­nisse bzw. kon­krete auf TV-Serien bezo­ge­nen Erfah­rung Schwel­len­mo­mente und Sta­ti­ons­cha­rak­te­ris­tika auf — als Bau­werk gegen ein kurz­zei­ti­ges Bom­bar­de­ment etwa. Sie kön­nen wich­ti­ges Mahn­mal sein — weit über einen Kon­flikt hin­aus und sich quasi wei­ter­ent­wi­ckeln. Wäh­rend eine TV-Serie eine Phase unse­res Lebens prägt oder nar­ra­tiv pro­gres­siv (Erzähl­ty­pus II) eine fort­wäh­rende Geschichte erzählt. Über­dies wur­den auch Bun­ker seri­ell pro­du­ziert und in bestimmte Typen ein­ge­teilt. Nicht zuletzt dien­ten sie wäh­rend des 2. Welt­krie­ges in Deutsch­land auch der seri­el­len Pro­duk­tion von Waf­fen und damit mehr oder weni­ger abs­trakt sogar ihrem Selbst­er­halt, zumin­dest dem des men­schen­ver­ach­ten­den Regimes. Fou­cault lei­tet die Hete­ro­to­pie womög­lich von den Arbei­ten des fran­zö­si­schen Phi­lo­so­phen Geor­ges Bataille ab: Gegen­räume oder »erha­ben« wir­kende, so gedachte Berei­che, wür­den, so des­sen Ana­lyse, dazu fun­gie­ren, in Reli­gio­nen zum Bei­spiel als Ideal oder abschre­ckende Sphä­ren zu die­nen. In bestimm­ten Herr­schafts­mo­del­len, etwa einer von der Bevöl­ke­rung unan­tast­bar insze­nier­ten Mon­ar­chie, die­nen sie als abs­trakte Macht­grund­lage. Die Hete­ro­to­pie ist dann aus Per­spek­tive des »nor­ma­len« Raums (Anfüh­rungs­zei­chen, weil der nor­male Raum für andere eine Hete­ro­to­pie sein kann usw.) also quasi ein mythi­scher, gar unan­tast­ba­rere, aber mäch­ti­ger oder ein­fach nur ima­gi­nä­rer Raum. Fou­cault jeden­falls setzt sich in zwei als dif­fe­rent zu beschrei­ben­den Bestim­mun­gen mit dem Begriff »Hete­ro­to­pie« aus­ein­an­der. Der Phi­lo­soph selbst greift dann aber bis zu sei­nem Tode 1984 nicht wie­der auf das Kon­zept zurück. Aller­dings las­sen sich sehr wohl der Hete­ro­to­pie ähn­li­che Denk­wei­sen in dem vom Fou­cault spä­ter behan­del­ten Dis­kurs- oder Macht-Kon­zep­ten ent­de­cken. In »Die Ord­nung der Dinge« ist die Hete­ro­to­pie eine nicht nur die Spra­che, son­dern das Den­ken zer­stö­rende Kraft gegen­über der nicht-rea­li­sier­ten Uto­pie, wel­che als ima­gi­nä­rer Nicht-Ort Ord­nung ver­heißt. In sei­ner zwei­ten Defi­ni­tion benennt der Phi­lo­soph die bekann­ten fünf (bis sechs) Grund­sätze der Hete­ro­to­pie und bestimmt sich als rea­li­sierte Uto­pie, als einen (oft wider­spens­ti­gen) Gegen­raum oder Raum des Ande­ren. Oft wird die Hete­ro­to­pie damit zu einem Ort der Aus­la­ge­rung für Ver­hal­ten, was »nor­ma­ler­weise« oder »offi­zi­ell« nicht gedul­det wird. Es wird dabei auch zu einem Refu­gium oder Ven­til. Und dabei ist das Gegen­satz­paar »Hete­ro­to­pie vs ›Nor­mal­raum‹ [Ein Begriff, den Fou­cault so nicht nutzt, der aber quasi, wenn auch vor­schnell, auf der Zunge liegt]« schnell eine Frage der Per­spek­tive. Die Hete­ro­to­pie ist näm­lich, ihrer ety­mo­lo­gi­schen Anders­ar­tig­keit zum Trotz, nicht per se eine den eta­blier­ten Macht­ver­hält­nis­sen ent­ge­gen­ge­setzte Sphäre, son­dern kann dazwi­schen ste­hen oder die­sen auch unter­ste­hen. Gerade Bataille zeigt, dass ein Exzess im Rah­men bestimm­ter Para­me­ter voll­zo­gen wer­den kann: die Aus­nahme als Bestä­ti­gung der Regel. Eine moderne Ent­spre­chung kann hier der Kar­ne­val sein, wel­cher als Ven­til wohl­or­ga­ni­siert und poli­zei­lich beschützt von­stat­ten geht. In einem Blick auf an Fou­cault anschlie­ßende Kon­zepte von Lef­eb­vre (1991) u. Soja (1996), De Cer­teau (1980), Deleuze/Guttari (1980), Augé (1992) sowie Bhabha (2000) las­sen sich tran­si­to­ri­sche (und medi­en­theo­re­tisch aus­leg­bare) Anwand­lun­gen in der Hete­ro­to­pie nach­zeich­nen: Der Zug bei­spiels­weise ist ein Trans­port­mit­tel, aber auch selbst einen Raum spe­zi­fi­scher Regeln, der das Gut sowie die Reise als auch deren Aus­gang mit­be­dingt. Das kennt jeder: Wie die Reise läuft, kann Ein­fluss auf die Laune am Ziel neh­men. Ein sol­cher räum­lich und zeit­lich »dazwi­schen­ste­hende« Raum — als Sta­tion im Leben fun­gie­rend oder als ein die Syn­these begüns­ti­gen­der Bereich zw. zwei Mei­nung ver­stan­den — kann eben­falls als hete­ro­top auf­ge­fasst wer­den. Und die­ses Bei­spiel ent­spricht durch­aus der Defi­ni­tion ein­fa­cher Kom­mu­ni­ka­tion, inso­fern ein Medium eben nicht nur Trans­por­teur ist. Letzt­lich kann je nach Per­spek­tive (wie gese­hen) alles zur Hete­ro­to­pie wer­den, ohne Hete­ro­to­pie geht nichts, so wie der Mensch eben an Medien betei­ligt (≈ Reprä­sen­tant eines Ver­eins) sein kann und sich keine Kom­mu­ni­ka­tion ohne ein Medium rea­li­sie­ren lässt: Luft zur Über­tra­gung von Tönen, Geld als Medium, das Rad als Medium bis hin zu Film, Buch etc. Diese Belie­big­keit der Hete­ro­to­pie-Bestim­mung, der Defi­ni­tion Fou­caults oft ange­krei­det, wird hier als Stärke ver­stan­den, um ein Schub­la­den­den­ken hin­ter sich zu lassen/ein der Kom­ple­xi­tät der Welt ent­spre­chen­des Instru­men­ta­rium zu ent­wi­ckeln, um Pro­blem ange­mes­sen ange­hen zu kön­nen. Wenn auch die­ser Ein­stieg in sei­ner Viel­fäl­tig­keit über­bor­dend wir­ken mag, zeigt er die Viel­fäl­tig­keit hete­ro­to­pen bzw. media­len bzw. seri­el­len Den­kens und Han­dels in unser aller Welt. In der Dis­ser­ta­tion sind die Cha­rak­te­ris­tika der Hete­ro­to­pie detail­lier­ter auf­ge­schlüs­selt und in not­wen­di­ger Aus­führ­lich­keit struk­tu­riert wor­den. Der vor­läu­fige Befund: Die Hete­ro­to­pie ist ambi­va­lent — Spie­gel des Men­schen im Guten und Schlech­ten: eska­pis­ti­scher Aus­gleich, demo­kra­ti­scher Gegen­raum, dann eine Ver­kör­pe­rung von Kli­schees sowie radi­ka­len und töd­li­chen Ideo­lo­gien bis hin zu einem quasi- (aber nie wirk­lich) neu­tra­len Dazwi­schen zw. Ver­mitt­lung, Kom­pro­miss und Sche­ma­tis­mus (≈ als Raum einer Kette inklu­sive des ver­meint­lich »Immer­glei­chen«).

Heterotopie ist Widerspruch — und manchmal auch nicht

Basierend auf der umfassenden Betrachtung der Heterotopie sind in dieser Doktorarbeit, gegenüber dem Katalog Foucaults von fünf bis sechs Punkten, sieben Grundsätze zum Heterotopen ausformuliert worden. Diese sind nicht als Ersatz der Foucault’schen Einteilung gedacht, sondern als Analyseschema. Der erste Grundsatz fungiert als Einleitung und der siebte als Zusammenfassung der auf die heterotopen Mechanismen hin untersuchten Felder — hier des Bunkerbaus und der fernseh-bezogenen Serialität. Die beiden Untersuchungsobjekte lassen sich in ihrer Weite und Ambivalenz sowie in abstrakter Sichtweise als eine Art von Super-Heterotopien bestimmen …
… In bestimm­ten bun­ker-arti­gen Bau­ten kann das je nach Bei­spiel zwei­felos ambi­va­lente Hete­ro­to­pie-Phä­no­men des »Drin­nen- oder Drau­ßen-Hal­tens« als ein­drucks­voll fusio­niert betrach­tet wer­den — etwa im Zwi­schen­la­ger im nie­der­län­di­schen Vlis­sin­gen-Oost, wel­ches nicht nur strah­lende Abfälle ver­wahrt und seine Umwelt schüt­zen soll, son­dern in unge­nutz­ten Berei­chen Kunst­werke loka­ler Museen beher­bergt, die vor wech­sel­haf­ten Umwelt­ein­flüsse bewahrt wer­den sol­len. Bun­ker, ins­be­son­dere der Kul­tur­schutz­bun­ker in baden-würt­tem­ber­gi­schen Bar­ba­r­astol­len, weist Par­al­le­len zu der Fou­cault als Bei­spiel der Hete­ro­to­pie die­nen­den Biblio­thek auf. Einer­seits soll Wis­sen dort kon­ser­viert, akku­mu­liert und stets erwei­tert wer­den. Dann soll es in einem pro­gres­siv-seri­el­len oder para­daox-seri­el­len (weil auf bereits »Gemach­tes« oder »Gewuss­tes« bezo­ge­nen) Sinne aus sei­ner sol­chen Lager­stätte her­aus abruf­bar wer­den. Im Not­fall (nach einer glo­ba­len, nicht zuletzt krie­ge­ri­schen Kata­stro­phe) soll das Gela­gerte dazu die­nen, eine Kul­tur wiederzubeleben.

Die Furcht des Men­schen nach Ver­än­de­rung und der gleich­same Wunsch nach ihr spie­geln sich in die­sen Bei­spie­len wider. Auch die ver­schie­de­nen Typen des seri­el­len Erzäh­lens im Kon­text des Fern­se­hens kön­nen die­sem Zwie­spalt Aus­druck ver­lei­hen: In der Sta­tus-quo-Serie wird keine der Figu­ren über die Epi­sode hin­aus wirk­lich bedroht, der Sozi­al­ver­band wird nie aus­ein­an­der geris­sen. Die pro­gres­sive Seria­li­tät hin­ge­gen ist von einem scho­nungs­lo­sen Wan­del bestimmt, in dem auch lieb­ge­won­nene Prot­ago­nis­ten ster­ben kön­nen. Einer­seits erlaubt das Ende einer Folge oder eines Films, im Sinne Luh­manns (1996: 98), eine im Leben nicht ersicht­li­che Erfah­rung, näm­lich kla­rer Schnitte oder (in Bezug auf die sta­gnie­ren­den Facet­ten die­ser Seria­li­tät gar) ein Anhal­ten der Zeit. Der zweite Pol des seri­el­len Erzäh­lens scheint hin­ge­gen höchs­tens Zäsu­ren zu beinhal­ten. Im (kathar­ti­schen) Drin­nen- oder Drau­ßen-Hal­ten (wäh­rend man ein Serie rezi­piert — die eigene Welt bleibt wäh­rend des Ein­tau­chens drau­ßen, die Welt der Serie wird nie gefähr­det (Pol 1)), durch tat­säch­li­che als auch ima­gi­näre Grenz­be­fes­ti­gun­gen oder ste­reo­ty­pes Schwarz-weiß-Den­ken kann es bedau­er­li­cher­weise, regel­mä­ßig aber nur als Illu­sion gelin­gen, ver­meint­lich unver­än­der­li­che Wel­ten dem ste­ten Wan­del ent­ge­gen zu stel­len. Die strikte Typi­sie­rung von Seria­li­tät von Hete­ro­to­pien darf nicht täu­schen: Das hat das Bei­spiel des Zwi­schen­la­gers bereits zei­gen können. 

Auch in pro­gres­si­ven For­ma­ten des beweg­ten Bil­des ver­fal­len die Prot­ago­nis­ten (wie etwa Wal­ter White der prä­mier­ten Serie »Brea­king Bad«) in wie­der­keh­rende oder zumin­dest in einer Spi­rale vor­stell­bare Mus­ter zurück. Es geht immer wei­ter mit dem kri­mi­nel­len Han­deln und doch sehnt er sich nach Frü­her zurück, steigt aus, nur um sich in eine neue kri­mi­nelle Machen­schaft zu stür­zen. Auch in den Serien des 1. Pols (/Typus I ≈ »Fall der Woche«, »Jede Epi­sode kann die erste sein.«) lässt sich — allem »Bemü­hen« um ein »Zeit­an­hal­ten« — nicht über die Alte­rung der Dar­stel­ler hin­weg­täu­schen. Das aber greift dem zwei­ten Feld vor — zeigt aber gleich­sam wie hin­ter den Unter­su­chungs­ob­jek­ten ste­hende, und zwar hete­ro­top-seri­elle Mechan­si­men über die Fel­der hin­weg zu beob­ach­ten bzw. all­ge­gen­wer­tig sind.
2015 kehrte — quasi seri­ell — der Begriff »Fes­tung Europa« im Ange­sicht der Flücht­lings­krise zurück — zwei­fel­los eine min­des­tens unge­schickte, wenn nicht ver­stö­rende Wort- und Begriffs­wahl. Schließ­lich ist der Begriff durch die Ver­wen­dung der Natio­nal­so­zia­lis­ten geprägt. Er fand u. a. für die von den Nazis errich­te­ten, gegen die Allier­ten gedach­ten Bun­ker­bau­ten an der fran­zö­si­schen Küs­ten Ver­wen­dung und war sowohl als Schlag­zeile als auch in den Bau­ten und den damit ver­bun­de­nen Vor­ha­ben nicht zuletzt eine (wei­tere) reale und/oder abs­trakte Mani­fes­ta­tion der men­schen­ver­ach­ten­den Ideo­lo­gie der Natio­nal­so­zia­lis­ten. Dann aber: Nicht nur bestimmte Fern­seh­se­rien, son­dern auch ver­schie­dene Bun­ker­bau­ten offe­rie­ren die­sem oft­mals allzu simp­len Den­ken ent­ge­gen­ge­setzte Kon­zepte: Sie las­sen sich in einem Dazwi­schen ein­ord­nen, wel­ches als Chance der Syn­these kon­trä­rer Berei­che zu ver­ste­hen ist, die (Semi-)Permeabilität zwi­schen hete­ro­to­pen Berei­chen und ihren Schran­ken auf­zeigt sowie — in bei­nahe auf­klä­re­ri­scher Trans­gres­sion — auf die unbe­que­men Grau­stu­fen zwi­schen ein­fa­chen Sicht­wei­sen ver­weist: Wal­ter White fas­zi­niert das Publi­kum sicher­lich auf durch seine wach­sende Zügel­lo­sig­keit und doch begeg­net man ihm mit Abscheu ange­sichts sei­ner Taten — das bleibt sei­tens der Schöp­fer der Serie unkom­men­tiert, wir als Zuschau­ende müs­sen uns selbst ein Bild machen. Heute und hier­zu­lande sind Bun­ker — gebaut einer­seits als Aus­druck der ver­meint­li­chen Stärke einer Dik­ta­tur, ander­seits bereits wäh­rend ihres Baus ver­steckt, weil sie dem Unter­gang der Diktaur bereits vor­weg­nah­men — poten­zi­ell auch Mahn­male über den 2. Welt­krieg hin­aus. Ein wei­te­res — abs­trak­te­res — Bei­spiel sind etwa wis­sen­schaft­li­chen Dis­kurse oder inves­ti­ga­tive Medien. Dort wer­den oft meh­rere und sich wie­der­spre­chende Posi­tio­nen auf­ge­zeigt, manch­mal so ste­hen gelas­sen, eben­falls damit sich Rezi­pi­e­nen selbst einen Ein­druck ver­schaf­fen kön­nen, sie wer­den fun­diert gegen­ein­an­der abge­wo­gen oder in einen Kom­pro­miss verwandelt. 

Als »Habi­tat 3« ein Kon­zept der Dis­se­ra­tion, nach der Dok­tor­ar­beit rea­li­siert: Sam­mel­band »Vier Typen seri­el­len Erzäh­lens im Fern­se­hen«. Autoren: Uni Wei­mar, Uni Saar­brü­cken, Uni Würz­burg, Uni Vechta. Aus­ge­zeich­net mit dem »Red Dot 2018«, »iF Design Award 2019« und »Ger­man Design Award 2020«.

Das Buch als Hete­ro­to­pie, in wel­chem div. hete­ro­tope Räume ein­ge­schlos­sen sind …

Sogenannte »Schtuzbauwerke«

Die Geschichte des Bunkerbaus basiert einerseits auf der Entwicklung von (Grenz-)Befestigungsanlage und des Wohnens anderseits: Von der Frühzeit bis ins Mittelalter glaubte man, die Wohnräume — die Habitate — vor Tieren oder Feinden sichern zu müssen. Konzepte wie die bewachter Wohnanlagen oder Panikräume sowie Bestrebung um Grenzzäune können zeigen, dass ein solches »Bedürfnis« bei manch Menschen bis heute bzw. anhaltend vorhanden zu sein scheint. Selbst die Bekleidung kann seit Frühzeiten mit diesem Gedanken assoziiert werden — sowohl die Analogie des Kleidungsstücks Mantel und des Schutzmantels baulicher Form als auch die am Leib bis heute getragenen Formen von Rüstungen können dies illustrieren. Zivile und militärische Zwecke waren zunächst ineinander verschlungen. Eine dezidierte Trennung der beiden Bereiche zeigte sich erst ab dem 17. Jahrhundert … 

… In Anbe­tracht wach­sen­der Durch­schlags­kraft der Waf­fen ver­moch­ten sich die Städte nicht mehr durch auf­wen­dige, sie umge­bende Ver­tei­di­gungs­an­la­gen zu schüt­zen. Vor­ge­la­gerte Forts wur­den daher errich­tet. Aber aus diese gerich­tete, von einem Vorne und einem Hin­ten aus­ge­hen­den Kon­zepte der Kriegs­füh­rung ver­lo­ren mit dem Auf­kom­men des Flug­zeugs an Bedeu­tung. Im Atom­zeit­al­ter sind sowohl die Reich­weite als auch die Ver­nich­tungs­kraft der Spreng­köpfe der­art groß, wie die Vor­warn­zei­ten klein sind. Das Resul­tat die­ser Ent­wick­lung ist, dass sich die Tren­nung von Mili­tär und Zivil­le­ben (erneut) aufhob/aufhebt, Kriege »tota­ler«, sprich umfas­sen­der und mehr­di­men­sio­nal wur­den und wer­den. Der Bun­ker­bau des zwei­ten Welt­krie­ges und des Kal­ten Krie­ges ver­such­ten in bis­wei­len nai­ver Absicht, Regie­rung zu einem Gegen­schlag oder gar gan­zen Kul­tu­ren zu einem Über­le­ben nach dem nuklea­ren Schlag­ab­tausch zu ver­hel­fen. Folg­lich wur­den in der Tiefe lie­gen­den, von meter­di­cken Stahl­be­ton umge­bende (zeit­lich und res­sour­cen­ab­hän­gige) aut­arke Räume geschaf­fen. Oft wur­den die Kom­plexe ver­steckt — aus stra­te­gi­schen Grün­den. Aber zum Bei­spiel wäh­rend des 2. Welt­kriegs auch des­halb, weil das Nazi-Régime fürch­tete, im Bun­ker­bau den eige­nen Unter­gang anzu­kün­di­gen. Spä­ter (nach dem Krieg) erfolgte ihr Ver­ste­cken auch, um die unbe­queme Ver­gan­gen­heit zu tilgen.

»Neue« Bedro­hun­gen wie die des Kli­ma­wan­dels ver­an­las­sen ebenso, Bun­ker­ar­ti­ges zu erschaf­fen. Um bedroh­tes Gen­ma­te­rial rele­van­ter Pflan­zen bei­spiels­weise zu schüt­zen. Zu die­sem Zweck wer­den Areale gewählt, die von kli­ma­ti­schen und krie­ge­ri­schen Ent­wick­lun­gen wahr­schein­lich ver­schont blieben.

Der fran­zö­si­sche Phi­lo­soph Paul Viri­lio bestimmt den Bun­ker in sei­ner berühm­ten Bun­ker­ar­chäo­lo­gie der 1970er Jahre als Ana­chro­nis­mus, der einer­seits von einer alten, in Front und Hin­ter­land unter­schei­den­den Kriegs­füh­rung kün­det und ander­seits auf den Gebrauch jener Waf­fen ver­weist, vor denen keine noch so starke Wand zu schüt­zen ver­mag. Inso­fern wird das im Bun­ker bzw. mit kon­kre­ten Bun­kern impli­zit ver­suchte Anhal­ten von Zeit oder der Ver­such mit einer Grenze etwas »dau­er­hauft zu machen« im oder durch Bun­ker (erneut) ein­dring­lich als hypo­the­tisch ent­larvt — auch über die bau­li­chen For­men hin­aus in abs­trak­ter Form: Die ange­dachte Funk­tion (nicht nur der von Viri­lio beob­ach­te­ten Anla­gen) konnte (und kann) nicht geleis­tet wer­den, die von Viri­lio unter­such­ten Welt­kriegs­bun­ker (der Nazis) waren bis­wei­len bei ihrer Fer­tig­stel­lung tech­nisch über­holt und die einst erhoffte Stand­haf­tig­keit an der Küste Frank­reichs ist längst von star­ker Eru­sion unter­mi­niert wor­den. Viel­leicht ein noch abs­trak­te­res Bei­spiel: Das Foto­al­bum kann nur ver­meint­lich die Zeit anhal­ten, wird aus dem Augen­blick der Betrach­tung inter­pre­tiert und der umgangs­prach­li­che Ver­weis, dass »das immer so war«, ist nur ein Moment­auf­nahme inner­halb eines ste­ten Flus­ses und einer Betrach­tung aus dem Jetzt heraus.

Der Bun­ker­bau im wei­tes­ten Sinne erfreut sich aber als Adap­tion in Form der Dok­trin »My home is my castle«, besag­ten bewach­ten Wohn­an­la­gen, der Fire­wall um ganze Län­der, orbi­ta­ler Rake­ten­ab­wehr­sys­teme bis hin zu gelinde gesagt unglück­li­chen Wie­der­kehr des Begriffs »Fes­tung Europa« im Ange­sicht der Flücht­lings­be­we­gun­gen der ver­gan­ge­nen Jahre einer ste­ten Aktualität.

Der Bun­ker­bau beschränkt sich aller­dings kei­nes­falls auf eine »Schutz­rich­tung« (oft natür­lich ein Frage der Per­spek­tive), wel­che das in ihnen befind­li­che Gut vor dem Außen schüt­zen soll. Viel­mehr ist der Bun­ker auch als Instanz des Außen von dem in sei­nen Inne­ren Ver­wahr­ten denk­bar — gerade in der Zwi­schen­la­ge­rung oder gar End­la­ge­rung von strah­len­den Abfäl­len aus Atom­kraft­wer­ken tritt die­ses umge­kehrte Ver­hält­nis zu tage.

Diese Beob­ach­tung lässt sich auch auf das im Kon­text der Hete­ro­to­pie mit­ge­führte Kon­zepte des Gefäng­nis­ses oder der Irren­an­stalt über­tra­gen. Diese aller­dings, wie Fou­caults Ana­ly­sen in «Die Ord­nung der Dinge« und mit sei­nen Aus­füh­run­gen zum Pan­op­ti­kum sicht­bar wird, kön­nen von einer will­kür­lich defi­nier­ten Vor­stel­lung bestimmt sein: Das Andere oder Gefähr­li­che wird sehr rela­tiv oder sub­jek­tiv bestimmt. Und das lässt sich, wie in die­ser Dok­tor­ar­beit regel­mä­ßig erfol­gend, abs­tra­hie­ren: Den­ken Sie an radi­kale Ideo­lo­gie, die gegen jede fak­ti­sche Basis das wie auch immer defi­nierte Andere als Feind­bild oder kom­mende Gefahr aus­ru­fen, um sich selbst/den eige­nen Anhän­gern einen Sün­den­bock zu geben. Und damit fatale und illu­so­ri­sche Ori­en­tie­rung geben — oft wird die der­zeit von manch Men­schen als unste­tig emp­fun­dene Welt damit »ein­fach« oder »ver­ständ­lich« gemacht. Die­ses Erklä­ren ist dann aber — das ver­steht sich von selbst — eben eine Illusion.

»Frü­her war es ein­fa­cher!« Tat­säch­lich war es frü­her nicht ein­fa­cher, son­dern viele Dinge wur­den ein­fach pau­schal unter­drückt und bei Unge­rech­tig­kei­ten weg­ge­schaut. Also höchs­tens eine Illu­sion der Ein­fach­heit. Manch Schreck­li­ches von hier oder auf der ande­ren Seite der Welt wurde schlicht igno­riert. Inso­fern haben die Medien die Welt näher zusam­men­ge­bracht und im Sinne eines Offen­ba­res kom­ple­xer gemacht. Ein indi­vi­du­el­les Ver­mö­gen, die Infor­ma­ti­ons­flut hand­zu­ha­ben oder fil­tern, fehlt aber bei vie­len Men­schen, ob Jung oder Alt, in unse­rer Gegen­wart. Zum Will­kür­li­chen etwai­ger Feind­bil­der bzw. zur Kom­ple­xi­tät kom­mu­ni­ka­ti­ver oder mensch­li­cher Mecha­nis­men gehört näm­lich auch, dass das Abge­lehnte schließ­lich ent­schei­dend wird, um die »eigene Welt« am Leben zu erhal­ten. Auch des­we­gen ver­mö­gen radi­kale Bewe­gun­gen oft keine wirk­li­che Ant­wort auf Kom­ple­xes bie­ten, denn ohne Geg­ner würde die eigene Bewe­gung nicht mehr exis­tenz­fä­hig sein.

Doch die Unter­schei­dung von «Wir­kungs­rich­tun­gen« darf nicht täu­schen — als Vor­griff auf das Seri­elle (des Fern­se­hens): Auch in pro­gres­si­ven For­ma­ten ver­fal­len die Prot­ago­nis­ten (wie etwa Wal­ter White in der prä­mier­ten Serie »Brea­king Bad«) in wie­der­keh­rende oder zumin­dest in einer Spi­rale vor­stell­bare Mus­ter zurück. In den Serien des 1. Pols lässt sich nicht über die Alte­rung der Dar­stel­ler hin­weg­täu­schen — allem Zeit­an­hal­tens zum trotz: erreicht durch den Umstand, dass am Ende jeder Epi­sode zum Sta­tus quo zurück­ge­kehrt wird. Im (kathar­ti­schen) Drin­nen- oder Drau­ßen-Hal­ten, durch tat­säch­li­che als auch ima­gi­näre Grenz­be­fes­ti­gun­gen wird nicht sel­ten ver­sucht, einen Zustand ein­zu­frie­ren — aus Furcht vor Wan­del zum Bei­spiel, weil »man ihn so lieb gewon­nen hat«. Radi­ka­lere und fata­lere Bei­spiel liegt auf der Hand.

Aber: Diese ver­schie­de­nen Bun­ker­bau­ten offe­rie­ren bzw. das Bun­ker­ar­ti­ges offe­riert die­sem oft­mals allzu simp­len Den­ken auch ent­ge­gen­ge­setzte Kon­zepte: Sie las­sen sich in einem Dazwi­schen ein­ord­nen, wel­ches als Chance der Syn­these kon­trä­rer Berei­che zu ver­ste­hen ist, die (Semi-)Permeabilität zwi­schen hete­ro­to­pen Berei­chen und ihren Schran­ken auf­zeigt sowie — in bei­nahe auf­klä­re­ri­scher Trans­gres­sion — auf die unbe­que­men Grau­stu­fen zwi­schen eta­blier­ten Sicht­wei­sen ver­weist: Die Bun­ker­bau­ten des zwei­ten Welt­kriegs sind in die­sem Sinne zu ver­ste­hen — erbaut aus über­mä­ßi­ger Macht­fan­ta­sie (≈ kaum tarn­bare Rie­sen­bun­ker zur U‑Boot-Pro­duk­tion auf dem fla­chen Land), wäh­rends des Krie­ges zum Sym­bol des dro­hen­den Unter­gangs wer­dend, folg­lich schon damals und nach dem Krieg zu ver­ste­cken ver­suchte Bau­ten, auch als Sym­bol der »Vet­ter­wirt­schaft« der Nazi-Grö­ßen (die sich eigene Bun­ker bau­ten, wäh­rend für die Bevöl­ke­rung nicht im Ansatz genü­gend Plätze vor­han­den waren), unbe­queme Erin­ne­rung nach dem Krieg — die eigene (deut­sche) Ver­gan­gen­heit, die ermor­de­ten Zwangs­ar­bei­ter betreffend.

Ein wei­te­res, abs­trak­te­res Bei­spiel sind etwa wis­sen­schaft­li­che Dis­kurse oder inves­ti­ga­tive Medien. Dort wer­den oft meh­rere und sich wie­der­spre­chende Posi­tio­nen auf­ge­zeigt, manch­mal so ste­hen gelas­sen, um sich als Rezi­pi­ent ein Bild zu machen oder sie wer­den fun­diert gegen­ein­an­der abge­wo­gen oder in einen Kom­pro­miss ver­wan­delt. Abs­trak­ter ist da Wal­ter White in besag­tem »Brea­king Bad« — ein Figur, die Abscheu und Sym­pa­thie glei­cher­ma­ßen erzeugt, und ggf. zum Nach­den­ken anregt.

(TV-)Serien

Serialität lässt sich über das Fernsehen weit hinaus auf jahrhundertealte Vorbilder zurückführen — etwa bis zu »Tausendundeine Nacht«. Serielle Formen in der Literatur, beispielsweise Alexandre Dumas über mehrere Jahre Stück für Stück erscheinendes Werk »Der Graf von Monte Christo« oder die sogenannten »Penny Dreadfuls«, als Schund gewertete Groschenromane, bereiten den Weg für serielle Formate im Radio und Kino. Diese werden schließlich zum Vorbild für das Fernsehen — jenes Medium also, welches als Paradebeispiel der Serialität gilt. Diese und »ihr« Medium werden nach wie vor in einem bisweilen trivialen anmutenden Diskurs (wie eingangs angedeutet), nicht zuletzt immer noch auf die in den Fünfzigern des vorhergehenden Jahrhunderts entstandenen Arbeiten Adornos (1954) (und Horckheimers) bezugnehmend, als verdummend-redundant betrachtet. Gleichwohl lassen sich im Medium Formate erkennen, die längst und immer schon jenseits einer solchen stetigen Wiederholung des Immergleichen liegen … 

… Erst jüngst ist auch in den Feuil­le­tons und im wis­sen­schaft­li­chen Dis­kurs ein Bewusst­sein für bestimmte For­men der Seria­li­tät gewach­sen. In den 1970er und 1980er Jah­ren setzte eine Diver­si­fi­zie­rung der Ange­bote und Ziel­grup­pen des Fern­se­hens ein. Durch den Aus­bau des Kabel­net­zes wurde eine Ver­viel­fäl­ti­gung der Anbie­ter mög­lich und Pay-TV-Sen­der kamen auf. In einem mit den gesell­schaft­li­chen Umbrü­chen der Zeit ver­bun­de­nen, sich wech­sel­sei­tig bedin­gen­den Kon­glo­me­rat von Fak­to­ren wurde ein Para­dig­men­wech­sel voll­zo­gen: Folg­lich ent­stan­den kom­ple­xere (oft durch Abon­nen­ten finan­zierte) Nar­ra­ti­onwei­sen. Der einst (abseits der Fern­be­die­nung) unbe­ein­fluss­bare Flow des Medi­ums füllte als­bald den gesam­ten Tag. Um den Bedürf­nis­sen neu erschlos­se­ner, auch anspruchs­vol­lere Ziel­grup­pen gerecht zu wer­den, wer­den auf­wen­dige Pro­duk­tio­nen gestar­tet. In die­sen ver­bin­den sich kom­plexe Nar­ra­tion und eine kino-ähn­li­che Audio­vi­sion. Zu den QTV- und kom­ple­xe­ren For­ma­ten zäh­len gemein­hin die Serien des Typus II oder zwei­ten Pols des seri­el­len Erzäh­lens: pro­gres­sive, über die ein­zel­nen Fol­gen hin­weg erzäh­lende For­mate um eine vom Wan­del bestimmte Geschichte oder ein zen­tra­les Rät­sel. Diese Serien sind eine Fort­ent­wick­lung der häu­fig als min­der­wer­tig gel­ten­den Soap. Dem­ge­gen­über steht der Typus I, der erste Pol der seri­el­len Nar­ra­tion: Die sta­gnie­ren­den For­mate stel­len am Ende einer jeden Epi­sode den Sta­tus quo her, sodass sich keine wirk­li­che Ent­wick­lung der Figu­ren über die Gren­zen besag­ter Ein­heit hin­aus ein­stellt. Obacht alle­er­dings vor zu schnel­len Wert­ur­tei­len, im Sinne eines Mood­ma­nage­ments zum Bei­spiel kön­nen alls For­men einen Reiz auf den Betrach­ter entfalten.

Zwi­schen die­sen Polen las­sen sich zwei Hybride aus­ma­chen: Der Typus III, wel­cher eben­falls zum QTV gezählt wird, besitzt (neben einer Epi­so­den­hand­lung) regel­mä­ßig meh­rere hori­zon­tale Hand­lungs­stränge. Der Typus IV erzählt pro­gres­siv etwa in meh­re­ren Fol­gen die Auf­klä­rung eines Falls. Der Fall wird statt in einer Epi­sode in einer Staf­fel gelöst ≈ Staf­fel­nar­ra­tiv. Die Event­se­rie, limi­tierte Serie oder Mini­se­rie funk­tio­niert also über Endlichkeit/die Lösung des Falls nach einer bestimm­ten Anzahl an Folgen/zum Ende der Staffel.

Neben dem (Audience-)Flow der tra­di­tio­nel­len Dis­tri­bu­tion eta­bliert sich eine wei­tere Form des Flus­ses bzw. der soge­nannte Para­dig­men­wech­sel ent­fal­tet bis heute Nach­wir­kung, weist eine jüngste Aus­for­mung auf: Als Fort­füh­rung der DVD wer­den über strea­ming­s­ba­sierte On-Demand-Anbie­ter theo­re­tisch ört­lich, zeit­lich sowie in der Quan­ti­tät indi­vi­du­ell wähl­bare Ange­bote ver­füg­bar. Ein­her­ge­hend ist damit das Ende des Fern­se­hens und gleich­sam eine Los­lö­sung der Seria­li­tät von ihrem Trä­ger denk­bar. Dabei spielt auch Mar­ke­ting ein Rolle: Das Fern­se­hen gilt dem Kli­schee nach als min­der­wer­tig, die Anspra­che von Men­schen mit dem ent­spre­chen­den Habi­tus gelingt auch dadurch, Fern­se­hen nicht mehr als Fern­se­hen zu bezeich­nen. Sicher­lich hat die wis­sen­schaft­li­che Aus­ein­an­der­set­zung mit der Seria­li­tät reelle Gründe, fusst aber auch auf die­sem Umstand.

Jeden­falls: Tat­säch­lich ergän­zen sich beide Fel­der auch: Zusätz­lich zur (bis­wei­len ent­las­ten­den) Ent­schei­dungs­ab­nahme des linea­ren Fern­se­hens wer­den über Media­the­ken On-Demand-Ange­bote bereit­ge­stellt. Umge­kehrt trägt die auto­ma­ti­sche Wei­ter­lei­tung zur nächs­ten Folge oder die Emp­feh­lung wei­te­rer Werke auf den On-Demand-Platt­for­men eben­falls Züge eines Flus­ses. Auch sind die neuen Anbie­ter kei­nes­falls zur all­um­fas­sen­den Archi­ven und Inno­va­ti­ons­ge­ne­ra­to­ren gewor­den, wie anfäng­lich geglaubt. Zahl­rei­che Kon­kur­re­ten haben sich eta­bliert, mit exklu­si­ven oder ori­gi­nä­ren Ange­bo­ten … Klingt ver­traut? Sie sind zu Kanä­len wie denen des Fern­se­hens gewor­den, die nie »das Ganze« anbie­ten.

Open Access, Bauhaus-Universität

Forschungsfelder

Das Ein­tau­chen: So erle­ben wir nicht nur klas­si­sche Medien, so erle­ben wir die ganze Welt … vom Büro, Super­markt bis zum Urlaubs­ort.

Klar, TV-Serien. Aber noch viel mehr: Das Seri­elle fin­det sich über­all, es prägt uns und ist z. B. nutz­bar im Mar­ke­ting …

Eine alte Erzäh­weise: über­all zu beob­ach­ten, aller­seits unter­be­wusst imple­men­tiert und damit einen gewis­sen Erfolg begüns­ti­gend.

Kommunikation für Sie
oder anhand meiner Seminare lernen,
wie Kom. und Medien besser zu handhaben:

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Dr. Sönke Hahn, Kommunikation

Erfah­rungs­schatz: Über 10 Jahre als aus­ge­zeich­ne­ter Fil­me­ma­cher und Desi­gner — u. a. prä­miert mit »Red Dot«, »iF Design Award« und »Ger­man Design Award«

Hin­ter­grund­wis­sen: inter­dis­zi­pli­näre Dok­tor­ar­beit an der Bau­haus-Uni­ver­si­tät Wei­mar, wis­sen­schaft­li­che Vor­träge und Publi­ka­tio­nen im Feld Kom­mu­ni­ka­tion und Medien 

Dr. Sönke Hahn, KOMMUNIKATION